7.
März

So sollte und so kann Schumann klingen - wie alte und neue Platten beweisen

Ein neues Label macht sich (hoffentlich nachhaltig) daran, die offenen Repertoirelücken in Sergiu Celibidaches Hinterlassenschaft aus der Münchner Zeit zu schließen! Mehr dazu gleich im dritten Absatz…

Dieses Weblog meldet sich nach einer Auszeit zurück - auf den besonderen Wunsch eines Lesers (siehe Kommentare zu “Celibidache - Wir brauchen mehr”) zu Sergiu Celibidache als Schumann-Dirigent. In diesem Artikel gab es zunächst keinen Grund, auf Schumann zu sprechen zu kommen, denn EMI hatte im Rahmen der Münchner Philharmoniker Edition fast keine Wünsche offen gelassen, es gab (gibt) die 2. Symphonie, gekoppelt mit Brahms’ Haydn-Variationen. Und eine meiner absoluten Lieblingsplatten: Schumanns 3. und 4. Symphonie aus der ersten EMI-Box von 1997. An diesen Mitschnitten zeigt sich, wie sehr der Verfasser besagten Kommentars mit seinen Einschätzungen richtig liegt. Unter welchem anderen Dirigenten hatten Schumanns Melodien je die Freiheit, derart weit auszuschwingen? Wohlgemerkt: Dies führt nicht zum Spannungsverlust, wie es Celi oftmals vorgeworfen wurde, sondern im Gegenteil zu einer Steigerung der Spannung bis ins Äußerste. Vom tiefen, beglückenden Musikerlebnis, das mit solcher Weite korreliert ist, ganz zu schweigen. Und was die Münchner Philharmoniker unter Celibidache aus dem magischen Übergang in den Schlußsatz der 4. Symphonie machen, entzieht sich schlichtweg der Beschreibung. Man muss es gehört haben…

Allerdings sind beide Platten, wie die Verlinkungen zeigen, mittlerweile nur noch antiquarisch bzw. im Ausland erhältlich. Hinsichtlich Anschaffungspreis und Verfügbarkeit lohnt es sich übringens, im Ernstfall auch amazon.co.uk und amazon.com zu checken. Bei beiden kann man mit seinem deutschen Kennwort, seinem deutschen Benutzernamen und der in der deutschen Amazone bereits registrierten Kreditkarte einkaufen. Und wenn die deutschen Anbieter nicht weitsichtig genug sind, die Dinge im Markt zu belassen, dann muss man sich eben oftmals anderswo behelfen.

Das neue Celibidache-Label heißt Altus. Dort sind drei neue Celibidache-CDs erschienen, sämtlich Live-Mitschnitte von 1986 aus Tokyo. Die Programme: Bruckner, Symphonie Nr. 5; Brahms Symphonie Nr. 4; Und: Eine CD mit Mussorgskys Bilder einer Ausstellung, und Schumanns 4. Symphonie! - Die hier noch gewaltiger ausfällt, als im Münchner Mitschnitt. Zu meiner eigenen Überraschung habe ich die Platten in Berlin bei Dussmann entdeckt. Amazon scheint sie noch nicht zu führen, wohl aber jpc (siehe Verlinkung eine Zeile weiter oben). Hoffentlich kommt da noch mehr…

Weitersagen
Schliessen
  • Email
  • Bookmark Dienste
E-mail

4.
Januar

Ist guter Klang letztlich doch ein Faß ohne Boden?

Über Jahre war ich jetzt zufrieden mit dem, was ich hatte. Gemeint ist meine mit Glück, Geduld und etwas Geschick auf meinen eher moderat gefüllten Geldbeutel abgestimmte Musikanlage, angesiedelt am oberen Ende von HiFi und am unteren von High End. Linn Classik Music, ein Kombigerät, das CD-Player und Verstärker in einem Gehäuse einschließt, Linn LK 140, eine ziemlich potente Endstufe, gekauft als Auslaufmodell zu Sonderkonditionen, sowie ein gematchtes Celestion 300 Boxenpaar, das mir nur deshalb bezahlbar wurde, weil ich bereit war, einen zehn Jahre lang originalverpackten Artikel zu kaufen, der mich ohne Ende Nerven kosten wird, sollte ich je ein Ersatzteil auftreiben müssen. Es hat lange gedauert, bis 35, ehe ich das Glück hatte, ein paar Monate lang doppelt zu verdienen und mir eine Anlage dieser Qualität leisten zu können.

Mit Technik und Besitztümern will ich niemanden langweilen. Der Punkt ist: Das Setup macht wunderbar musikalisch Musik, ideal für Klassik und Jazz. Und wenn man elektronische Musik damit hört, dann kommt man aus dem Staunen über das leuchtend präzise, absolut zeitechte Ansprechverhalten nicht mehr raus. Ich habe Anlagen gehört, die das sechsfache kosten würden und nicht so musikalisch waren. Damit war das Thema HiFi für mich erledigt, zwei Jahre lang.

Nun führe ich mit meinem besten Freund eine seit Jahren immer mal fortgesetzte Diskussion. Thema: Kann man als qualitätsorientierter Mensch irgendwann zufrieden sein mit dem, was man hat und aufhören zu suchen, zu jagen, zu kaufen? Wohlgemerkt: Das Thema ist Qualität, nicht irgendein Statuswahn, den wir im übrigen beide zum Kotzen finden. Meine Antwort auf diese Frage war immer “ja”, seine “nein”. Jedenfalls war er der Meinung, ich könnte das nicht.

Dummerweise bin ich zwischen den Jahren beim Schlendern durch die Stadt mit meiner Freundin in einen HiFi Laden gestolpert und habe dort etwas gehört, was mich denken läßt, dass mein Freund Axel wahrscheinlich recht hat. Es gibt meist und für (fast) jeden einen sehr großen Unterschied zwischen etwas Teurem, oder etwas hymnisch Rezensiertem, und einem echten, eigenen, authentischen Wow-Erlebnis. Wer hat nicht schon mal einen kostspieligen Wein gekostet und bei sich gedacht “na ja, ist ja ganz nett, aber…”? -Ich gehe also in diesen Laden und sehe da zwei Lautsprecherboxen stehen , die mir visuell sehr gefallen. “Kann ich die mal hören?” frage ich ohne jede Absicht. “Ja, klar”. “Habt ihr auch Klassik da?” Yep, hatten sie. Und außerdem eine CD-Payer/ Verstärker-Kombination, von der ich bis dahin noch nie was gehört habe. “Damit bespielen die bei Dynaudio (der Boxenfirma) auch ihre ganz großen Dinger” hieß es zu den Geräten später lapidar.

Die Musik fängt also an und schon nach ein paar Takten fühle ich mich wie zum in die Luft springen. Fast tut die Lebendigkeit dieser Schallwellen schon körperlich weh. Meine Freundin, die was ganz anderes macht und mit diesen Dingen nicht halb so wahnsinnig ist, reagiert genauso. Einfach der Hammer. Und natürlich entsprechend teuer, wenn auch lange nicht am Ende des Spektrums angesiedelt. Zum Glück aber teuer genug, damit nicht mal das Nachdenken darüber lohnt. Doch wenn ich’s hätte, ich hätt’s vom Fleck weg gekauft. Beziehungsweise hätte ich alles andere in dieser Preisklasse durchrecherchiert und es dann gekauft. Na ja, wahnsinnig eben. Und Axel hat wohl recht, es hört niemals auf…

1187021878.jpg

Weitersagen
Schliessen
  • Email
  • Bookmark Dienste
E-mail

29.
Dezember

Real CrossOver - Notizen beim Platten aufräumen

Zugegeben, mein Gebrauch des - ohnehin zweifelhaften - Wörtchens CrossOver für das Folgende entspricht nicht ganz der üblichen Verwendung. Aber er trifft den Wortsinn. “To cross over” - auf die andere Seite gehen - meint hier mal nicht einen Künstler, sondern direkt die Musik, besser: den musikalischen Verlauf.

Im Zuge meiner Dezember-Engagements bei diversen Weihnachtsfeiern hatte ich einen Veranstalter, der etwas haben wollte, was DJs wie Auftraggeber normalerweise scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Nämlich eine musikalische Mischung grundverschiedener Stilrichtungen. Genauer gesagt akzeptierte man schließlich meinen Vorschlag einer Mischung aus Klassik, Jazz und sanften Ambient- und Electrotracks. Was mich immer schon gereizt hat, die fließenden interdisziplinären Verbindungslinien der Musik im Rahmen einer Loungeveranstaltung aufzuzeigen, ohne dabei etwas zu produzieren, was anstrengend, was nicht Entertainment sei. So verschieden sind die Dinge eben nicht. Gute Musik ist gute Musik. Dis Schwierigkeit liegt wenn dann beim atmosphärischen Feingefühl für die Übergänge. Dieser Abend bot also die Gelegenheit sowas mal zu versuchen, denn der Veranstalter, eine Berliner Eventagentur, wollte keine Party, sondern eine eher besinnliche Stimmung, eine Art Anti-Stress-Genuss-Programm gegen den bereits allseits grassierenden Weihnachts-Burnout. Alles ganz “Lounge” und “Chillout”, daraufhin war auch die Location, eine Kirche, atmosphärisch ein- und ausgerichtet.

cimg1084.JPG

Die Vorbereitung auf sowas zwingt einen geradezu zum Nachdenken über die Cluster musikalischer Querbezüge. Jetzt bringt mich mein jahresendliches Platten aufräumen zur Rekapitulation. Zuerst habe ich mir Sets zu bauen versucht, die immer ein Klassikstück mit einem Jazztitel und einem Electro-Track kombinierten. Das war dann doch zuviel des Guten. Also entschied ich mich für Mikrosets von je 20 - 30 Minuten pro Musikrichtung, um dann einen sanften Wechsel zu vollziehen. Zum Beispiel von einem moderat schnellen barocken Konzertsatz Johann Heinrich Schmelzers über ein abstrakt-ostinates Stück des Keith Jarrett Trio, etwa von der Scheibe “Endless”, hinein in den Jazz. Von dort führt vieles weiter in elektronische Gefilde, vielleicht “Hour of Need” von Faithless, oder Gravenhursts “Song Among the Pine”.

Der Rückweg: “You Stayed” von De Phazz bringt uns wieder in Richtung Jazz, und Oscar Petersons “The Prayer, A Jazz Hymn” eine halbe Stunde auf die Spur der klassischen Musik zurück, die man vielleicht mit einer Nocturne von Frédéric Chopin, gespielt in einer Version für Klavier und Violoncello von Thomas Larcher und Thomas Demenga, erneut betritt. So ungefähr verliefen meine Linien. Es hat echt gut funktioniert in dieser Atmosphäre. Und es macht einen Heidenspass, denn mit ein paar Vorüberlegungen läßt sich sowas endlos weiterführen.

Weitersagen
Schliessen
  • Email
  • Bookmark Dienste
E-mail

29.
November

Neuer DG Webshop: Klassik-Downloads - so kann es funktionieren….

dg_webshop.jpg

Seit ein paar Tagen ist nun der neue Deutsche Grammophon Downloadshop online, und ich, als alter Download-Skeptiker, muss echt sagen: Das ist ein gewaltiger Schritt in die richtige Richtung!

Erstens: Die einzige dort verfügbare Bitrate von 320 kbps setzt einen neuen Maßstab für Klangqualität im Netz, der von der einer CD nicht mehr so weit entfernt ist. Konsequent wurden also niedrigere Bitraten vermieden, die auch für Klassik und Jazz echt keinen Sinn machen.

Zweitens: Alle MP3s sind DRM-frei!!!

Drittens: Die MP3s des DG-Shops sind offen für alle Player.

Viertens: Die Preispolitik ist mit im Schnitt € 11.99 pro Album ok, obwohl es auch durchaus 9.99 hätten sein können :-)

Fünftens: Das Repertoire macht Sinn. Neben allen aktuellen Neuheiten startet der Shop mit 600 Alben, die als physische Tonträger nicht mehr verfügbar sind, 100 davon gibt es nur in diesem Shop.

Wenn dieser Weg konsequent weiterverfolgt wird und vielleicht auch bei ein paar anderen Companies Schule macht, dann stehen uns Klassik & Jazz Freaks durch das Netz vielleicht doch noch goldene Zeiten bevor, denn es gibt zahllose legendäre Titel aus der Vergangenheit, die physisch wohl nie wieder so auf den Markt gebracht werden können, dass es rentabel wäre. Man hört, die DG plane mittelfristig ihr k-o-m-p-l-e-t-t-e-s Archiv verfügbar zu machen, also alles zu digitalisieren und anzubieten, was dort jemals aufgenommen wurde.

Tja, das wäre doch ein Traum!

Für die nächsten Tage habe ich mich jedenfalls bereits bei ein paar technisch beschlageneren Freunden von mir zur Nachhilfe aufgedrängt - die behaupten doch ernsthaft, ich könne solche MP3-Files auch vom Mac aus über meine audiophile Linn-Anlage abspielen!? Oh’ strahlende Zukunft…

Zieht der Rest der Klassikwelt jetzt nach? War es das endgültig mit DRM?

Kommentare und Meinungen, bitte.

Weitersagen
Schliessen
  • Email
  • Bookmark Dienste
E-mail

25.
November

Ein heimlicher Weltstar

Es gibt große Stars am Klavier. Und dann gibt es die wenigen Ausnahmekünstler, die unter dem Radar fliegen, sich einen Dreck um Ruhm, Marketing und Plattenverträge scheren und nur für ihre Musik leben. So einer ist Grigory Sokolov.Grigory Sikolov macht keine Plattenaufnahmen. Die wenigen existierenden Dokumente seiner Kunst sind allesamt live entstanden, in Konzerten. Aber auch davon hat er seit Jahren keine mehr freigegeben. Sokolov ist musikalisch ein Besessener, der jedem Ton bis ins Letzte nachspürt, der jede noch so kleine mögliche Nuance an Ausdruck und Tiefe, die in einem Musikstück stecken, verwirklicht, also hörbar macht. Seine profunde Technik und absolute Kontrolle am Klavier dienen nicht einem virtuosen Vortrag, sondern der Reise in die Grenzbereiche dessen, was Musik vermitteln kann. Ein Konzert von Grigory Sokolov kann eine spirituelle Erfahrung sein.

11467035782.jpg

 

 

Soviel Intensität hat ihren Preis. Es gibt immer wieder Gerüchte, der scheue, 1950 geborene Russe leide an Alkoholismus, oder er sei ein unverbesserlicher Misanthroph. Das mag stimmen oder nicht. Dem Aussehen und der Ausstrahlung am Klavier darf man sich Sokolov als einen heißen Kandidaten für die Hauptrolle in einem Beethovenfilm vorstellen - und zwar im besten Sinne, denn er ist genauso kompromisslos, eigen- und tiefsinnig. Wahrscheinlich ist Grigory Sokolov einer der wenigen Menschen, in deren innerer Welt nur Dinge wie Können, Erkenntnis und Leidenschaft für das gewählte Sujet zählen. Die Handvoll Interviews, die er in vierzig Jahren Karriere gegeben hat, legen das jedenfalls nahe.

Aus vollstem Herzen und aus dem Glück heraus, selbst eines erlebt zu haben, kann dieser Autor nur jedem, der Musik liebt, den Besuch eines Konzertes von Grigory Sokolov ans Herz legen, wo immer sich die Möglichkeit ergibt. Der ideale Einstieg auf CD sind seine Chopin-Mitschnitte. Es gibt bislang zwei CDs, eine mit den Études op. 25 und der 2. Klaviersonate op.35 (mit dem Trauermarsch) und eine mit den 24 Préludes op. 28.

 

Weitersagen
Schliessen
  • Email
  • Bookmark Dienste
E-mail

18.
November

Bis in den Tod…

leonard_bernstein_chef_dorchestre_1968_b.jpg

Es hat lange gedauert, bis mir von ihm etwas gefallen hat. Leonard Bernstein war für mich ein bißchen wie gewisse Geschmäcker, die man erst als Erwachsener zu schätzen lernt. In meinen Teenagerjahren konnte ich mit seiner hitzigen Emotionalität nicht umgehen, sie verleidete mir damals Geist und Seele der Musik, vor allem die der gewichtigen Deutschen, Beethoven, Schubert, Brahms.

Heute, mit 36, ist das anders. Für mein damaliges Empfinden war Lenny am Pult vor allem übersteigerte Emotionalität, heute empfinde ich seinen Stil als lebendige Extase. Wohlgemerkt: seinen Altersstil. Denn Leonard Bernstein ist eines der besten Beispiele, wie sehr sich der Stil eines Musikers mit zunehmendem Alter verändern kann, ob nun zum Guten oder zum Schlechten. Bernstein in New York, also ungefähr bis 1970, das war Feurigkeit, Kantigkeit, glühende Leidenschaft. Also kurz gesagt: eher Toscanini. Der “europäische” Bernstein der noch folgenden knapp 20 Jahre, der Bernstein der Wiener Philharmoniker und des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, war dagegen geprägt von epischer Breite, von sinnlicher Tiefgründigkeit und exstatischen Emotionen. Also kurz: eher Furtwängler.

Es bleibt eine Geschmacksfrage, ob Leonard Bernstein die Überexstasen im langsamen Satz von Dvořáks 9. Symphonie “Aus der neuen Welt”, oder in den Finalsätzen von Sibelius’ 2. Symphonie und Tschaikowskys “Pathétique” aus diesen Werken herausgeholt, oder sie ihnen aufgezwungen hat. Was aber niemand ernstlich in Zweifel ziehen kann ist seine ziemlich einmalige Fähigkeit zur Verschmelzung von Epos und Intimität. Sein Spätstil hat die monumentalen Spannungsbögen, die eine große Symphonie zu einem transzendentalen Erlebnis machen können; gleichzeitig wußte der Leonard Bernstein von München und Wien diese organisch mit noch dem kleinsten, verspieltesten, intimsten Detail einer Partitur zu verbinden. Deshalb wirkt sein später Beethoven, sein Brahms, sein Schubert wie Furtwängler auf Droge in Stereo. Frechheit, sowas …! - aber fürwahr lebendig und ein echtes Erlebnis. Beethoven, Schubert und Brahms waren schließlich selbst extreme Exstatiker, jeder auf seine Art…

Eines der bemerkenswerten Beispiele für Lennys Alterstil, ist jetzt, gemeinsam mit den denkwürdigsten Beethovenkonzerten seiner späten Jahre, in einer Box wieder erschienen, die den lange nicht verfügbaren Teil seines Beethoven-Repertoires bei Deutsche Grammophon zusammenfaßt. Herausragend darunter das Münchner Konzert für Amnesty International vom 17.10. 1976, das, aufgrund rechtlicher Fragen, noch nie zuvor auf CD erhältlich war. Leonard Bernstein dirigierte ein reines Beethovenprogramm, die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, die 5. Symphonie und das 4. Klavierkonzert. Mit Claudio Arrau als Pianist. Es ist die einzige Aufnahme überhaupt, die diese beiden Beethoven-Giganten zusammen für die Nachwelt festgehalten hat.Buchstäblich bis in den Tod hat Lenny Beethoven dirigiert, das Dokument seines letzten öffentlichen Konzerts in Tanglewood bei Boston am 19. 08. 1990 belegt dies. Bernstein ging für Beethovens 7. Symphonie eingedenk der Befürchtung, dass er das Konzert vielleicht nicht überleben werde, auf die Bühne. Mehrmals ist deutlich wahrzunehmen, wie er stockt und fast zusammenbricht, aber er steht es durch. Knapp zwei Monate später ist Leonard Bernstein tot. Als “süchtig nach beseelter Überarbeitung” hat er sich stets bezeichnet…

Die Wiener Philharmoniker wollten erst nicht. Aber Mr. Bernstein. Heraus kam die reine Streicherexstase. Die Rede ist von Bernsteins Adaptionen für Streichorchester der späten Beethoven-Quartette op. 131 und 135. Die Wiener Konzertmitschnitte von 1977 und 1989 wurden zu einem der musikalischen Höhepunkte in Leonard Bernsteins Karriere. Ganz besonders im langsamen Satz von op.135 ( September 1989) findet die strenge, geradezu jenseitige Vergeistigung des Beethoven seiner letzen Werke ihre vollkommene Entsprechung in einem Streicherklang voll himmlischer Ruhe und tiefer Menschlichkeit. Beethovens und Bersteins künstlerische Apotheose in einem Klangbild, das noch heute seinesgleichen sucht.

Photo by Arnold Newman.

Weitersagen
Schliessen
  • Email
  • Bookmark Dienste
E-mail

11.
November

Yellow Lounge, 8. 11. Überwältigende Location, falsche Musik

wae004.JPG

Es war glorreich - auch wenn ich diesmal nicht aufgelegt habe :-).

wae005.JPG

Eine der stärksten Yellow Lounges der letzten Zeit. Ein rauschhafter, fast perfekter Abend - allerdings mit Schönheitsfehlern, siehe weiter unten - der mir mal wieder eine erstklassige Gelegenheit liefert, meiner Obsession mit dem drum-herum (siehe auch: Asturiana im Radialsystem, Beitrag vom 22.10.) zu frönen.

Den Abend groß gemacht hat zuerst die Location: Der Berliner Club Berghain ist ein echtes “Theatre of Dreams”, ein mehrgeschossiger, grandios verfallener industrieller Traum-Raum, der genau die Atmosphäre erzeugt, die eine Yellow Lounge zum Gänsehauterlebnis werden läßt. Da drin hätte man auch Blade Runner drehen können. Wenn dann noch, wie in diesem Fall, die DJ-Sets auch gegen Stimmengewirr gut klingen, weil die Soundanlage in der Lage ist, nicht nur Bässe, sondern auch ein paar musikalische Feinheiten zu vermitteln, und selbst der Orchesterklang sich gut in die verwinkelte Steinarchitektur einpaßt, dann muss nur noch die richtige Mischung aus Nerds und avantgardistischer Partycrowd zusammenkommen. So wie an diesem Abend, der echten Glamour austrahlte.

Der Schönheitsfehler: Die Musikauswahl des ansonsten inspiriert aufspielenden Mahler Chamber Orchestra. Ich bin wahrlich kein großer Freund der Moderne, aber hier hätte ich mir für einmal gewünscht, Xenakis zu hören. Oder Ligeti. Oder Silvestrov. Hier hätten solche Klänge gepasst und ihre volle Live-Magie entfalten können. Mit Kolja Blacher (der im Berghain auch die Leitung hatte) als Solist hat das MCO 2006 Bergs Violinkonzert auf CD veröffentlicht, gemeinsames Repertoire in dieser Richtung wäre also vorhanden gewesen.

Im Umkehrschluß muss man sagen, dass ein Schumann-Violinkonzert in dieser Atmosphäre betulich und ein wenig beliebig wirkte. Das hätte auch mit dem zweiten Set, Mozarts Jupiter-Symphonie, passieren können, aber das Orchester spielte den letzten Satz mit irrwitzig mitreißendem Verve, sodaß man dieser Gefahr zumindest zuletzt noch entkam. Mozart “rockte” förmlich unter den Händen des Orchesters, das eindeutig von der Magie des Abends angesteckt wurde.

Weitersagen
Schliessen
  • Email
  • Bookmark Dienste
E-mail

6.
November

Celibidache: Wir brauchen mehr

sc2.jpg

Kaum ein Musiker ist nach seinem Tod so umfassend aufgearbeitet worden wie Sergiu Celibidache. Das geschah unter erschwerten Bedingungen, da sich der Maestro zeitlebens mit gewichtigen philosophischen Argumenten gegen jedes Festhalten-wollen eines musikalischen Erlebnisses, das, folgt man seiner Argumentation, nur in dem Moment, indem es entsteht, lebendig existieren kann, verwehrt hat. Archivbänder haben es möglich gemacht, dass uns dennoch - und sei es nur auf “tönenden Pfannkuchen” (Celibidache), eine Vorstellung davon geblieben ist, wie weit Orchestermusik über Oberflächenperfektion und geglätteten Einheitsbrei hinausgehen kann.

Es ist also kein kleines Wunder, dass bei EMI vier große Boxen mit herausragenden Mitschnitten aus seiner Zeit bei den Münchner Philharmonikern erschienen sind. Sein Repertoire, von Bach bis Bruckner ist damit ziemlich gut abgedeckt. Und doch…

Wenn man nun seinen Stil und gleichzeitig sein Münchner Repertoire in Betracht zieht, so bleiben, trotz eines Bestands von 40+ CDs, viele schmerzliche Lücken: Wer würde nicht gerne einmal Schuberts Unvollendete von ihm hören? Oder Sibelius 2.? Dvořáks 9. Symphonie, das erste Stück, das mich als Kind in den Bann der Musik gezogen hat, besitze ich als Konzertmitschnitt auf DVD. Wer das famose Cellokonzert mit Jacqueline du Pré aus Stockholm kennt, der kann sich wohl vorstellen, was für Urgewalten Celi hier entfacht. Die Liste läßt sich forsetzen: Die kompletten Klavierkonzerte von Beethoven und Brahms, das Violinkonzert und die 5. Symphonie von Sibelius, Strauss’ Tod und Verklärung (das man wenigstens aus der früheren Stuttgart-Zeit noch für einen happigen Preis auf amazon Marketplace bekommt)…

Um es deutlich zu sagen: Für mich sind Celibidaches philosophischer Ansatz, sein tiefer Ernst und seine breiten Tempi von singulärer Bedeutung und Aussagekraft in der Musik. Aber ich bin kein bedingungsloser Apologet, ich kann, weiß Gott, ohne seinen Haydn, seinen Mozart (ausgenommen natürlich das Requiem) und einen Großteil seines Beethovens leben (mit Ausnahme der ungeheuren Eroica). Was mit ihm aber gut und groß war, Bruckner, Tschaikowsky, Brahms, Debussy, das sucht an Kraft, Schönheit, Durchdringung und musikalischer Wahrhaftigkeit seinesgleichen. Und wird es noch lange suchen. Deshalb wünschen sich viele Aficionados, das die Celibidache-Lücken eines Tages geschlossen werden.

Dass die EMI den Rest veröffentlichen wird, ist wohl nicht mehr zu erwarten. Sobald einmal eine andere Plattenfirma den Versuch startet, sich des übrigen Münchner Celi-Repertoires anzunehmen, bleibt nur zu hoffen, dass die Liebe zur Musik und zu Celis Vermächtnis die Oberhand über überzogene Forderungen oder etwaige Eitelkeiten von seiten der Rechteinhaber behalten wird.

Wo und wie könnte das möglich werden?

Weitersagen
Schliessen
  • Email
  • Bookmark Dienste
E-mail

29.
Oktober

Was bringt das Internet der Klassik?

Seit einiger Zeit stolpere ich immer wieder über Kommentare und Artikel, die sich mit der Frage, inwiefern wohl das Internet zur “Rettung” der Klassik beitragen wird, auseinandersetzten, etwa von Alex Ross im New Yorker, oder, sich auf ihn beziehend, von Reinhard Brembeck in der SZ vom 17. 10. (nicht im Netz verfügbar).

Meine Meinung dazu: Da wird in die falsche Richtung gedacht. So sehr diese Überlegungen vordergründig das Forum feiern, das das Netz für die wahren Aficionados bietet, so sehr schielen die meisten, die da von “retten” sprechen, letztlich auf Verbreitung, auf Verkaufszahlen, auf neue Absatzmöglichkeiten, auf “virales Marketing”, also auf Massentauglichkeit - und gerade auf diese Faktoren, sorry, muss gepfiffen werden, wenn man wirklich die Klassik stärken will. Das erste Thema für alle, denen klassische Musik am Herzen liegt, sollte meiner Meinung nach allein die Exzellenz sein, denn nur die Exzellenz bringt die Klassik voran. Nur Musiker, die über die Gestaltungskraft verfügen, nach Größen wie Arrau, Furtwängler oder Callas ein eigenes, neues Kapitel mit originären musikalischen Ideen auf deren Augenhöhe aufzuschlagen. Und Exzellenz speist sich nunmal nicht aus Massenkompatibilität, weder der Aussage, noch der Haltung, noch der Anziehungskraft nach. Sie kommt von Künstlern mit auskristallisierter Persönlichkeit, die, ohne Rücksicht auf Verluste, ihren eigenen Göttern folgen, nicht zweithändisch denen des Marktes oder - was letztlich dasselbe ist - denen des momentanen Publikumsgeschmacks.

Also: Das internet bringt der Klassik dann was, wenn die Hardcore-Aficionados, jene Menschen, die Alex Ross voller Zuneigung als “geeks” bezeichnet, jede Site, jedes Forum und jeden Blog nutzen, um sich zur Elite zu bekennen! Bekennt Euch zu einem radikalen Qualitätsanspruch. Bekennt Euch zu edel gemachten CDs und zu High-End-Anlagen von Burmester, Lua oder Linn. Bekennt Euch zu Spinnern und Außenseitern wie Sokolow, wie Afanassiev, wie Segerstam, die auf jede Massenerwägung pfeifen. Dadurch bekommt die Klassik als Bewegung vielleicht auf lange Sicht wieder Selbstvertrauen und auch wieder eine Ausstrahlung, die - als Faszinosum - geeignet ist, Menschen in ihren Bann zu ziehen, für die die Musik allein das (noch) nicht leisten konnte.

Ansonsten ist das Netz natürlich klasse. Bei dem Versuch, mir vorzustellen, wie Leute früher journalistische Recherchearbeit ohne Internet bewältigt haben, steigt in mir eine Mischung aus Grauen und Bewunderung auf. Bei amazon findet sich jede Platte, auch lange Gestrichenes, meist mit Hörbeispielen. Aus Japan bestelle ich heute über das Internet seltene CDs, die früher in Europa nicht zu kriegen waren, für knapp zehn Euro inklusive Versand und drei Tage später ist die Scheibe da. Man findet einfach alles. Jede Information, jede rare Aufnahme. Und wie in den Kommentaren bereits angemerkt wurde, geht in Richtung online libraries, Konzertmitschnitte usw. zukünftig noch viel mehr. Der Naxosgründer Klaus Heymann äußert dazu in dem übrigens hochinteressanten Artikel im New Yorker (siehe Link weiter oben) einige visionäre Ideen. Zudem finden sich viele Gleichgesinnte. Die sehr wohltuende und bereichernde Vernetzung der echten Aficionados funktioniert, zumindest im anglikanischen Sprachraum, schon sehr gut, was jedoch hierzulande noch zu wünschen übrig läßt. Lob und Preis dem Internet, ganz ehrlich. Aber das Netz ist nicht das Entscheidende für die klassische Musik und wird es, meiner Meinung nach, auch nicht werden.

Denn letztlich gilt für die Klassik genau das, was auch für den Fußball gilt: Wichtig is’ auf’m Platz. Und der Platz ist immer noch die Konzertbühne und bestenfalls noch das Aufnahmestudio.

Kommentare, bitte!

Weitersagen
Schliessen
  • Email
  • Bookmark Dienste
E-mail

22.
Oktober

Asturiana mit Kim Kashkashian im Berliner Radialsystem V

Ich mag es, wenn das darum-herum stimmt. Schönes Licht, eine angenehme Bestuhlung und ein Raum, der wenigstens ein wenig zum Träumen einlädt, sind für ein stimmiges Konzert keine Marginalien. Ich meine das ganz im Sinne von Bill Viola, der oft von Museen verlangt, dass rund um seine spektakulären Videoinstallationen genügend dunkler Raum vorhanden sei, sodass sich Paare dort zum Knutschen niederlassen können. Für ein sinnliches Kunstwerk sollte eben auch der Darstellungsraum über eine gewisse Sinnlichkeit verfügen. Aber klar, die Musik selbst sowie eine perfekte Akustik sind die wichtigeren Bestandteile - und man kann nur in den seltensten Fällen alles auf einmal haben. Wenn doch, dann ist es ein Glücksfall. So geschehen am vergangenen Freitag im Radialsystem V in Berlin.

Am Abend dieses Tages hatte ich eigentlich gar keine Zeit für Musik, weil eine Freundin ihren 40. Geburtstag feierte. Nur wollte ich mir Kim Kashkashian und Robert Levin mit ihrem Programm Asturiana (seit kurzem auch auf CD, ECM 476 6149) auf keinen Fall entgehen lassen. Spanische und argentinische Volkslieder von de Falla, Granados, Ginastera, Montsalvatge, transkribiert für Viola und Klavier - das klang mir zu sehr nach stimmungsvoller Melancholie, nach leidenschaftlich-elegischer Novembertraurigkeit, als das ich mich dem hätte entziehen können. Und es wurde tatsächlich ein erlesenes Konzert, ein Abend an dem, bis hin zu den eingangs angesprochenen Rahmenbedingungen, einfach alles stimmte (ich habe niemanden gesehen, aber auch dunkle Ecken waren vorhanden…). Schon lange genießt Kim Kashkashian als unvergleichliche Violaspielerin Weltruhm. Aber so ein äußerliches Attribut ist keine Vorbereitung auf die exquisite Kantabilität, auf die dunklen Gesänge von Liebe und Traurigkeit, die sie ihrem Instrument entlockt. Und Robert Levin, ein klassischer Pianist mit Schwerpunkt Alte Musik, offenbarte an der Seite seiner langjährigen musikalischen Partnerin eine Seele, die in Wahrheit irgendwo im Zwischenreich von Tango und Jazz zu wohnen scheint.

Das war echtes Musikantentum, ein deftiges Auskosten der Spannung zwischen Momenten feuriger Bravura und der innigsten, zartesten Pianissimo-Stille. Ein symbiotisches künstlerisches miteinander verwachsen sein zweier außergewöhnlicher Könner. Musik, wie man sie sich spätnachts im Juli auf einer Madrilenischen Plaza erträumen würde…

Weitersagen
Schliessen
  • Email
  • Bookmark Dienste
E-mail



Beiträge (RSS) und Kommentare (RSS)