Friedrich Gulda spielt Bachs Wohltemperiertes Klavier
Man könnte sagen,
…dass zu Bachs Zeiten alles, was Tasten hatte, „Clavier“ genannt wurde, also sowohl das Clavicord - gefühlvolles, intimes Hausinstrument - als auch das Cembalo - glanzvolles, aristokratisches, weltliches Prachtstück - und die Orgel - das geweihte Instrument des Gottesdienstes;
…dass die Präludien und Fugen des Wohltemperirten Claviers meist deutlich erkennen lassen, von welchem der drei Instrumente sie ihrer Technik und Ausdrucksweise nach inspiriert und für welches sie mithin vorwiegend bestimmt sind;
…dass Bach selbst jedoch in fast jedem Falle die Grenzen des jeweiligen Instruments als beengend empfand und daher entweder, dem Geist seiner Zeit entsprechend, die Wahl der Intelligenz und „Diskretion“ des Spielers überließ oder aber (und dies erscheint mir die wichtigere, dem Genie Bachs gemäßere Konsequenz zu sein) von vornherein auf die Angabe des gewünschten „Claviers“ verzichtete, weil er zu der Ansicht neigte, dass kein von Menschenhand gefertigter, mit Saiten und Pfeifen bestückter Kasten jemals der göttlichen Seele der Musik ganz Genüge tun könne.
Friedrich Gulda in seinen Linernotes zu Das wohltemperierte Klavier
Man könnte auch sagen, dass es, nach mehr als zehn Jahren in einer schrottigen Billigserie, höchste Zeit war, dass dieser zeitlose Klassiker wieder wertig ediert erhältlich ist;
Man könnte auch sagen, dass es einfach göttlich ist, Guldas Bach (MPS 476 6250, aufgenommen 1972-73) endlich frisch und rein wie der junge Morgen klingend, ohne abdämpfende Audio-Dunstglocke und ohne phasenverdrehte Passagen hören zu können - so, wie die Aufnahme eigentlich klingen sollte und auf LP auch geklungen hat;
Und man könnte sagen, dass eben doch von Zeit zu Zeit eine (Wieder)veröffentlichung daher kommt, die 25 Euro für 4 CDs wert ist, die als Download weder Sinn noch Spaß machen würde, weil Haptik, Klangnuancen und Guldas Notizen einem entgehen würden;
Stattdessen sagt man am besten nichts, macht eine hoffentlich gute Anlage an und eine hoffentlich gute Flasche Wein auf und ergibt sich der Musik.