New York, Rio, Tokio…
Ein Auftritt nach dem anderen, heute hier, morgen da, von Kontinent zu Kontinent, unermüdlich, Jahr für Jahr. Im Foyer der Münchner Philharmonie hat mir ein weltweit gefragter Topsänger (aber keineswegs ein “Superstar” à la Netrebko) mal erzählt, er sei ausgebucht bis Mai 2009. Das war im Oktober oder November 2001 (sic!). Was die gnadenlose Terminplanung, der sich gesuchte Klassikkünstler unterziehen, im Extremfall für Folgen hat, sieht man am noch immer ungewissenen Schicksal des mexikanischen Tenors Rolando Villazón, der an einer Art stimmlichem Burnout-Syndrom zu leiden scheint und Mitte September erstmal sämtliche Auftritte bis Jahresende abgesagt hat. Wie es danach mit ihm weitergeht weiß bisher noch niemand.
Jetzt mal weg von der enormen psychischen und physischen Belastung, die aus Terminplänen wie dem oben angedeuteten, die in der Topliga der Klassik der Normalfall sind, logischerweise resultiert - die wichtigere Frage ist doch: Ist unter solchen Umständen überhaupt echtes, gutes, tiefschürfendes Musikmachen möglich? Ich meine nein. Jeder, der mal über längere Zeit hinweg eine sehr fordernde und schwierige Arbeit gemacht hat, kennt wohl schon die Erfahrung, dass 1) mit der Zeit die Qualität leidet und dass 2) der Spass und das mit-ganzem-Wesen-bei-der-Sache-sein aufhören. Man kann es noch (für eine Weile), aber man macht es ab einem gewissen Belastungsgrad wie in Trance - nicht in der hingegebenen, sondern in der zombiehaften, egal, wie sehr man eigentlich liebt, was man tut. Nun weiß ich auch, dass es Künstler gibt, deren Leben einfach die Bühne ist, die Tag für Tag nichts anderes machen wollen, die kreuzunglücklich werden, wenn sie mehr als eine Woche kein Konzert geben können. Ein paar große alte Pianisten kommen da in den Sinn, zum Beispiel Arrau oder Cherkassky.
Trotzdem bleibe ich dabei: Ständiger transkontinentaler Terminstreß und beseeltes Musikertum sind unvereinbar, denn dafür bedarf es auch der Ruhe, der Meditation, des sich-versenkens. Wie so oft erscheint mir in Bezug darauf der Waliser Bariton Bryn Terfel als einer der wenigen echten “Hechte im Karpfenteich” des internationalen Klassikbetriebs. Auszeiten sind bei ihm die Regel, Familie und persönliche Neigungen stets bestimmende Faktoren bei der Terminplanung. Der macht sich nie zum Büttel. Ob seine Stimme auch deshalb so unvergleichlich natürlich und souverän klingt, weil er noch Besitzer seiner Freiheit ist? Ob seine sprichwörtliche Repertoirevielfalt ihm so selbstverständlich gelingt, weil er sich immer wieder Zeit zum Regenerieren, Nachdenken und Studieren gibt?
Am 4. Oktober 2007 um 20:31 Uhr
Ausnahmsweise sei es mal erlaubt, rhetorische Fragen ganz klar und entschieden zu beantworten: “Ja”!
Alfred Brendels viel zitiertes Wort, Grundlage der Musik sei Stille, möchte man gerne erweitert sehen: … nicht nur während der Aufführung …
Denn sich körperlich und geistig wie seelisch in Musik zu vertiefen, setzt große Kraft und Konzentration voraus, auch und vor allem vor der Aufführung. Dazu ist Ruhe nötig. Und wahre Ruhe und Stille findet man selten, wenn man darauf bedacht ist, den nächsten Flieger odr das nächste Interview nicht zu verpassen. Das oft gebrauchte Bon Mot “Weniger ist mehr” ist hier passender denn je. (Und natürlich bestätigen wunderbare Ausnahme wie András Schiff einfach nur die Regel!)
Es ist meiner Meinung vor allem in der Kunst - in welcher Disziplin auch immer - conditio sine qua non, diese innere Ruhe zu finden.
Emotionen kommen immer nur von innen, auch wenn der Zuhörer die Musik von außen vernimmt. Bewegen kann Musik nur, wenn der Beweger innerlich unbewegt ist, sprich der Musiker oder die Musikerin innerlich über die nötige Ruhe verfügt, die eigenen Emotionen authentisch (!) zum Ausdruck bringen zu können. Nun ja, natürlich nur, wenn der Zuhörer es denn zuläßt …
Alles andere ist und bleibt Zirkus.
Artisten gibt es derer viele. Wenige aber sind wahrhaftige Künstler.