Die CD im Zeitalter ihrer Reproduzierbarkeit
Warum werden eigentlich soviele CDs illegal ge-downloaded? Gut, das Problem ist (noch) nicht wirklich eines der Klassik, gut, viele Downloader sind vielleicht dergestalt hirnlos, dass mein folgender Punkt für sie sowieso nie relevant sein wird, aber: Jeder Leser möge sich die Frage stellen, wieviele wirklich hochwertig gemachte CDs, für die er einen Preis von 15 bis 20 Euro für angemessen hält, er eigentlich zuhause stehen hat. In meinem Fall sind es ungefähr 2-300 von ca. 6.000. Also höchstens jede Zwanzigste. Und da sind wir sehr wohl bei einem Problem, das die Klassik betrifft, denn wenn man die wesentlich öfter ansprechend gestalteten Jazzklassiker von Verve und Blue Note, sowie einige Deluxe-Ausgaben aus dem klassischen Popbereich abzieht, dann bleibt eigentlich, mit Ausnahme zweier Münchner Labels, nämlich Winter & Winter und ECM, aus der Klassik nicht viel übrig.
Beide Labels gehen ganz unterschiedliche Gestaltungswege, das eine, ECM, kühl und reduziert, das andere, Winter & Winter, farbenfroh und opulent. Was beide eint ist ihre überragende, kompromisslos und ohne Blick aufs Portemonnaie auf höchste Produktqualität getrimmt Haptik, die im Fall von ECM den Covern und Booklets die Aura teurer Kunstbände verleiht, während Winter & Winters Prägedrucke und ihre einmaligen Hartkartonagen, die formschön und dauerhaft stabil die CD und das Booklet durchgehend in natürliche Materialien packen, an edle alte Bücher (im ehemaligen Neuzustand) erinnnern.
Wohlgemerkt: Ich spreche hier mal ganz bewußt von der Peripherie der Musik auf einer CD, nicht von der Musik selbst. Selbstverständlich spielen für beide Avantgardelabels Topkünstler Repertoire von zentraler Bedeutung ein. Selbstverständlich gehen sowohl Stefan Winter als auch Manfred Eicher, der Mastermind hinter ECM, die Extrameile im Studio für eine außergewöhnliche, dem menschlichen Maß entsprechende Klangqualität. So wie es sein sollte. Aber ich spreche von Coverart, Begleittexten, Photos, Papierqualität, Typo, Layout. Von kleinen Designkunstwerken. Denn der Klang ist das, was im digitalen Zeitalter zuhause vervielfältigt werden kann (wenn auch nicht in akzeptabler Qualität, sofern man vernünftige audiophile Maßstäbe anlegt). Der Rest ist meist leider nicht mal den Versuch einer Reproduktion wert…
Eine LP hatte mal, über 30-jährige werden sich erinnern, diesselbe gefühlte Wertigkeit, wie ein gebundenes Buch. Man wußte, wofür man sein Geld ausgibt und hat es gerne getan. Weil man oft etwas auch haptisch Wertiges dafür an die Hand bekam. Von diesem Gefühl ist im CD-Zeitalter fast nichts übrig. Sein Revival könnte die Rettung sein, nicht für den Massen- wohl aber für den Nischenmarkt, denn gute Gestaltungsqualität läßt sich nicht herunterladen, sie ist nicht beliebig reproduzierbar. Und wir würden nur zu gerne mehr so exquisit gemachte CDs im Regal stehen haben, wenn es sie nur gäbe. Die Musik läßt sich im digitalen Zeitalter vervielfältigen, das Gesamtkunstwerk, das ein CD-Album sein sollte und könnte, siehe ECM und Winter & Winter, nicht.
Am 3. Oktober 2007 um 22:02 Uhr
Es sollte doch dem Hörer überlassen bleiben, ob er an einem aufwändig produzierten “Gesamtkunstwerk” oder einem einfachen MP3-Download interessiert sein soll. Für Sammler ist die Kunstwerk-Edition sicherlich sinnvoll, für den “einfachen” Interessenten an der Musik reicht ein Download wohl vollkommen aus. Ich denke die Wahlmöglichkeit sollte dem Kunden gelassen werden. Wir wollen gespannt das Angebot von der Pop-Band Radiohead mitverfolgen:
http://www.spreeblick.com/2007/10/02/radiohead-no-really-its-up-to-you/
Hier wird eine teure Kunstwerk-Edition angeboten. Alternativ gibt es noch die Möglichkeit einen DRM-freien Download der Platte zu einem selbstbestimmten Preis vorzunehmen. Auch ein interessanter Ansatz, wie ich finde.
Am 4. Oktober 2007 um 10:59 Uhr
Hallo Robert,
du hast völlig recht, es sollte dem Hörer überlassen bleiben. Ich als Sammler bedaure einfach den allgemein zurecht “gefühlten” und auch den reelen Wertverlust, den der Tonträger erfahren hat. Wie bei Büchern und DVDs, wo ich auch oft enttäuscht werde, möchte ich eben mein Geld für wertvolle, weil gut gemachte Kulturgüter ausgeben und nicht für Schrott, vor allem dann nicht, wenn es sich um eine wichtige Aufnahme oder gar um einen Klassiker handelt. Und: Ein MP3 File kann niemals mit einer CD mithalten, sofern man halbwegs audiophile Ansprüche an die Klangqualität stellt.
Am 30. Oktober 2007 um 11:29 Uhr
Auch wenn das “Gesamtkunstwerk” Tonträger inklusive Verpackung etc. seine Berechtigung für Sammler und Liebhaber hat (und immer haben wird) finde ich Deine Sichtweise auf MP3 ein wenig zu reduziert.
Sicher: Die Klangqualität ist schlechter, der haptische/optische Sammlergenuss fällt weg, aber bitte bedenkt, dass Downloads und Streams dem Klassikliebhaber völlig neue Nutzungsmöglichkeiten bietet/bieten wird:
Für den Klassiksammler wird auch relevant sein, ob er eine bestimmte Aufnahme überhaupt erhält. Und wenn wir bedenken, dass weniger als 10% aller jemals aufgenommenen Musik derzeit auf Tonträger erhältlich ist (weil sich die Veröffebntlichung der restlichen 90% i.d.R. nicht rechnet), sehe ich durch nicht-physische Veröffentlichungen durchaus große Chancen, ein nie dagewesenes Angebot für den Klassikliebhaber frei nach dem Motto “wenn schon nicht im CD-Ragel, dann immerhin auf der Festplatte” zu schaffen
Am 2. November 2007 um 14:31 Uhr
Markus, du bringt hier sehr interessante Fakten ein. Ich denke du hast vollkommen recht. Vor allem sind wohl die neuen Nutzungsmöglichkeiten nicht zu unterschätzen. Auf einem iPod ist die Gestaltung einer CD nur für das Display interessant. Ganz zu schweigen von sozialen Netzwerken wie last.fm. Ich glaube auch “die Klassik” muss hier langfristig umdenken. Da werden sich spannende Projekte entwickeln.
Am 2. November 2007 um 15:32 Uhr
Robert und Markus, in Bezug auf alles, was sonst nicht erhältlich wäre, bin ich ganz bei Euch. Neben der von Markus angesprochenen Möglichkeit, gestrichene Aufnahmen wieder verfügbar zu machen, denke ich dabei an ein Konzept, das momentan noch ins Reich der Träume gehört: Das gestern abend gehörte Livekonzert, das man sich heute zuhause runterladen kann.
Allerdings sehe ich das noch lange nicht, weil die Rechtelage in den meisten Fällen viel zu kompliziert ist. Da müßten Solisten, Orchester, Veranstalter, Agenten und Plattenfirmen an einem Strang ziehen, um das möglich zu machen. Wie gesagt: Aus dem Reich der Träume. Und, soweit ich das beurteilen kann ist das erneute verfügbar machen alter Klassiker wohl das letzte, woran die Plattenfirmen in Sachen Downloads denken. Schön wäre es…
Ansonsten bleibe ich dabei: Wenn es eine CD gibt, dann liefert mir die immer mehr Musikgenuss, als ein mp3-file, das somit definitiv keine Alternative darstellt.
Am 3. November 2007 um 13:43 Uhr
Hallo Harald,
deinen Traum gibt es bereits. Das Kölner Gürzenich-Orchester bietet diesen Service an (http://www.guerzenich-orchester.de/08_diskographie/08_01_00_GO_live.php).
Die Staatskapelle Dresden, das Gewandhausorchester Leipzig, das DSO Berlin, Göteborg, NYPhil, LAPhil und ein paar weitere Orchester bieten eine Auswahl Ihrer Konzerte der aktuellen Saison im Rahmen von “DG-” oder “DECCA-concerts” auf itunes an. (http://www.deutschegrammophon.com/webseries/?areaID=webseries&ID=dg-concerts&PRODUCT_NR=4777331)
Gruß
Horst