16.
Oktober

Shura Cherkassky: Der größte Chopin-Pianist?

Es gibt Rubinstein. Zutiefst poetisch und klangschön, aber manchmal eben doch ein wenig (groß-)bürgerlich. Es gibt Arrau. Wunderbar elegisch und tiefsinnig, aber manchmal eben doch ein wenig professoral. Für diejenigen, die über diese Qualitäten hinaus noch auf der Suche nach den etwas exzentrischeren Attributen einer romantischen Klavierspielweise sind, nach Wildheit, Tanz auf dem Vulkan und der Rasierklinge, gesteigerter Emotion, dem Unvorhergesehenen und Unvorhersehbaren, nach einem Tempo rubato, welches Pianospieler und Publikum gleichsam mit sich fortzutragen vermag, für diejenigen gab es einmal Shura Cherkassky. Aber wer sucht nach so einem Stil schon heute noch? Technik, Schule, Methode sind längst viel zu dominant, als dass die beglückende Einheit von Idiosynkrasie, Durchdringung und Beseeltheit Josef Hofmannscher Prägung, für die Cherkassky stand, noch einen anderen Status als den des Geheimwissens haben könnte. Es gibt auch heute ein paar Pianisten, die so agieren. Aber sie sind von Kennern geliebte Außenseiter (nicht das das etwas Schlechtes wäre!), siehe beispielsweise Valery Afanassiev.

Die Aufnahmen von Arthur Rubinstein und Claudio Arrau sind noch immer gut bekannt und gut erhältlich und jede Schrift, die sich mit bedeutenden Chopininterpretationen beschäftigt feiert sie, ganz zurecht. Shura Cherkassky ist fast vergessen. Nun ja, es sind noch ein paar Nimbus-CDs zu bekommen und einige sehr schöne Konzertmitschnitte aus den 60er und 70er Jahren auf BBC Legends. Aber seine stärksten Chopineinspielungen und Konzertmitschnitte sind in Major-Hand: Seine Polonaisen von 1969 gab es zuletzt (wie viele andere Schätze) in der ziemlich schrottigen Billigserie Resonance (DGG 429 5162), die überirdischen Konzertmitschnitte der 2. und 3. Sonate von 1982 bzw. 1985 (DECCA 433 6502) sind seit Anfang dieses Jahrtausends gestrichen, Études und Barcarolle, bei EMI in den 50er Jahren eingespielt, gab es zuletzt in der Great Pianists-Serie (Philips 456 7422). Glücklich kann sich schätzen, wer von diesen Raritäten noch eine Kopie ergattert. Falls überhaupt erhältlich werden sie nämlich bei ebay und amazon Marketplace zu horrenden Preisen gehandelt.

Was sagt uns das? Für viele unter den wenigen, die ihn noch auf dem Radar haben, ist der kleine Mann aus Odessa Kult. Was noch? Ein paar wertige Wiederveröffentlichungen würden sich womöglich lohnen, EMI, DECCA und DG.

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5 Reaktionen zu “Shura Cherkassky: Der größte Chopin-Pianist?”

  1. Thomas CSUKA

    Ich habe Shura Cherkassky immer bewundert und geliebt, wie er gespielt hat. Ich habe ihn in vielen Konzerten gehört, habe auch sehr viele CD’S und einige Schallplatten von ihm. Zum Beispiel spielt kein Pianist die Etüde in c-moll Op.25 Nr.12 so grossartig wie Shura Cherkassky. Vielleicht kommt Samson Francois noch nahe an die Interpretation von Cherkassky heran. Es wäre sehr zu begrüssen, wenn die Aufnahmen und auch DVD von Cherkassky wieder puplik gemacht würden.

  2. gerd lindlar

    Von shura cherkassky gibt es auch eine fabelhafte cd von überwiegend liszt´schen kompositionen (1. klavierkonzert, liebestraum 3, ungarische rhapsody 13, don-juan-reminszenzen u.a.) - bei testament - ein muss für alle freunde aristokratisch-geschliffener und zugleich bravouröser klavierkunst !

  3. Gotthard Seyferth

    Ich habe Shura Cherkassky in den 70er Jahren in der Musikhalle Hamburg noch erlebt. Ich erinnere mich noch, dass da ein kleiner, etwas rundlicher, eher unscheinbarer Mann auf die Bühne stiefelte. (Ich hatte vorher nie von ihm gehört)
    Aber sein Spiel - ich will mir hier poetische Worte sparen - es wird mir unvergesslich bleiben. Ohne Frage, ein Grandseigneur der, im besten Sinne, alten Schule.

  4. Christiane Le Tessier

    Ich habe Shura Cherkassky in den fünfziger Jahren einmal in Berlin erlebt. Er sîelte ein Tchaikovski-Konzert mit diabolischer Virtuosität, obgleich damals das Gerücht ging, dass er wegen seiner geringen Körpergrösse keine Oktave greifen könne. Es war gleichzeitig unvorstellbar und mitreissend, so dass ich mich nach über 50 Jahren noch daran erinnere.

  5. Hagen Pfundner

    Ich habe Shura Cherkassky als junger Mann 1964 in Dortmund gehört, Rachmaninow Klavierkonzert Nr.1. Ich bekamm die Karte in der ersten Reihe von unserer Buchalterin geschenkt, welche verhindert war. Der kleine Mann, die dicken, behaarten Finger - wie kann man damit solche Klänge mit ungemeiner Behendigkeit, Wucht und Zartheit hervorzaubern. Der Anblick und die Musik haben sich mir unauslöschlich eingeprägt obewohl ich inzwischen viele andere Interpreten gehört habe.

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