6.
November

Celibidache: Wir brauchen mehr

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Kaum ein Musiker ist nach seinem Tod so umfassend aufgearbeitet worden wie Sergiu Celibidache. Das geschah unter erschwerten Bedingungen, da sich der Maestro zeitlebens mit gewichtigen philosophischen Argumenten gegen jedes Festhalten-wollen eines musikalischen Erlebnisses, das, folgt man seiner Argumentation, nur in dem Moment, indem es entsteht, lebendig existieren kann, verwehrt hat. Archivbänder haben es möglich gemacht, dass uns dennoch - und sei es nur auf “tönenden Pfannkuchen” (Celibidache), eine Vorstellung davon geblieben ist, wie weit Orchestermusik über Oberflächenperfektion und geglätteten Einheitsbrei hinausgehen kann.

Es ist also kein kleines Wunder, dass bei EMI vier große Boxen mit herausragenden Mitschnitten aus seiner Zeit bei den Münchner Philharmonikern erschienen sind. Sein Repertoire, von Bach bis Bruckner ist damit ziemlich gut abgedeckt. Und doch…

Wenn man nun seinen Stil und gleichzeitig sein Münchner Repertoire in Betracht zieht, so bleiben, trotz eines Bestands von 40+ CDs, viele schmerzliche Lücken: Wer würde nicht gerne einmal Schuberts Unvollendete von ihm hören? Oder Sibelius 2.? Dvořáks 9. Symphonie, das erste Stück, das mich als Kind in den Bann der Musik gezogen hat, besitze ich als Konzertmitschnitt auf DVD. Wer das famose Cellokonzert mit Jacqueline du Pré aus Stockholm kennt, der kann sich wohl vorstellen, was für Urgewalten Celi hier entfacht. Die Liste läßt sich forsetzen: Die kompletten Klavierkonzerte von Beethoven und Brahms, das Violinkonzert und die 5. Symphonie von Sibelius, Strauss’ Tod und Verklärung (das man wenigstens aus der früheren Stuttgart-Zeit noch für einen happigen Preis auf amazon Marketplace bekommt)…

Um es deutlich zu sagen: Für mich sind Celibidaches philosophischer Ansatz, sein tiefer Ernst und seine breiten Tempi von singulärer Bedeutung und Aussagekraft in der Musik. Aber ich bin kein bedingungsloser Apologet, ich kann, weiß Gott, ohne seinen Haydn, seinen Mozart (ausgenommen natürlich das Requiem) und einen Großteil seines Beethovens leben (mit Ausnahme der ungeheuren Eroica). Was mit ihm aber gut und groß war, Bruckner, Tschaikowsky, Brahms, Debussy, das sucht an Kraft, Schönheit, Durchdringung und musikalischer Wahrhaftigkeit seinesgleichen. Und wird es noch lange suchen. Deshalb wünschen sich viele Aficionados, das die Celibidache-Lücken eines Tages geschlossen werden.

Dass die EMI den Rest veröffentlichen wird, ist wohl nicht mehr zu erwarten. Sobald einmal eine andere Plattenfirma den Versuch startet, sich des übrigen Münchner Celi-Repertoires anzunehmen, bleibt nur zu hoffen, dass die Liebe zur Musik und zu Celis Vermächtnis die Oberhand über überzogene Forderungen oder etwaige Eitelkeiten von seiten der Rechteinhaber behalten wird.

Wo und wie könnte das möglich werden?

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3 Reaktionen zu “Celibidache: Wir brauchen mehr”

  1. Konstantin Bodamer

    Ich finde es schade, daß an dieser Stelle nichts zum Schumann-Dirigenten Celibidache gesagt wird - vielleicht, weil kaum Aufnahmen existieren?! Ich hatte einmal eine CD von irgendeinem unbekannten Label ausgeliehen, auf der Celi italienische Radioorchester dirigiert (60er oder 70er Jahre) und fand, daß sein Gespür dafür, wie eine Melodie zum Leben erweckt und zum Atmen gebracht werden kann, auch heute noch gerade bei Schumann unerreicht ist. Mich persönlich stört die Schablonenhaftigkeit mancher Schumann-Interpretationen gerade aus den 90er Jahren, die in krassem Widerspruch zur Lied- und Kammermusikinterpretation steht, sehr, und ich empfinde dies besonders stark, wenn ich sie mit Einspielungen wie der von Celibidache vergleiche.

  2. Ralf

    Ich kann die “Politik” vom EMI records, nach Box 4 mit den Veröffentlichungen aufgehört zu haben, nicht verstehen.

    In der Tat fehlen noch echte Perlen aus der Münchener Zeit. Neben den erwähnten - auch für die Dirigentenpersönlichkeit Celibidaches wichtigen - Werken wie den Sibelius-Symphonien, der Unvollendeten Schuberts und der 9. Dvoraks sind noch herauszuheben:

    - die Symphonie N. 7 von Antonin Dvorak, die Celi mit den Münchener Philharmonikern 1987 aufgeführt hat. Die Tiefgründigkeit und Unmittelbarkeit des Gefühlsausdrucks, welche er diesem (vielfach unterschätzten) Werk gibt, ist unerreicht.
    - einige Klavierkonzerte Mozarts, insbesondere N. 27, welchem Celi an ganz ungewohnten Stellen tragischen Ausdruck ablauscht.
    - das Cello-Konzert von Dvorak

  3. zapsib2001@mail.ru

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