18.
November

Bis in den Tod…

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Es hat lange gedauert, bis mir von ihm etwas gefallen hat. Leonard Bernstein war für mich ein bißchen wie gewisse Geschmäcker, die man erst als Erwachsener zu schätzen lernt. In meinen Teenagerjahren konnte ich mit seiner hitzigen Emotionalität nicht umgehen, sie verleidete mir damals Geist und Seele der Musik, vor allem die der gewichtigen Deutschen, Beethoven, Schubert, Brahms.

Heute, mit 36, ist das anders. Für mein damaliges Empfinden war Lenny am Pult vor allem übersteigerte Emotionalität, heute empfinde ich seinen Stil als lebendige Extase. Wohlgemerkt: seinen Altersstil. Denn Leonard Bernstein ist eines der besten Beispiele, wie sehr sich der Stil eines Musikers mit zunehmendem Alter verändern kann, ob nun zum Guten oder zum Schlechten. Bernstein in New York, also ungefähr bis 1970, das war Feurigkeit, Kantigkeit, glühende Leidenschaft. Also kurz gesagt: eher Toscanini. Der “europäische” Bernstein der noch folgenden knapp 20 Jahre, der Bernstein der Wiener Philharmoniker und des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, war dagegen geprägt von epischer Breite, von sinnlicher Tiefgründigkeit und exstatischen Emotionen. Also kurz: eher Furtwängler.

Es bleibt eine Geschmacksfrage, ob Leonard Bernstein die Überexstasen im langsamen Satz von Dvořáks 9. Symphonie “Aus der neuen Welt”, oder in den Finalsätzen von Sibelius’ 2. Symphonie und Tschaikowskys “Pathétique” aus diesen Werken herausgeholt, oder sie ihnen aufgezwungen hat. Was aber niemand ernstlich in Zweifel ziehen kann ist seine ziemlich einmalige Fähigkeit zur Verschmelzung von Epos und Intimität. Sein Spätstil hat die monumentalen Spannungsbögen, die eine große Symphonie zu einem transzendentalen Erlebnis machen können; gleichzeitig wußte der Leonard Bernstein von München und Wien diese organisch mit noch dem kleinsten, verspieltesten, intimsten Detail einer Partitur zu verbinden. Deshalb wirkt sein später Beethoven, sein Brahms, sein Schubert wie Furtwängler auf Droge in Stereo. Frechheit, sowas …! - aber fürwahr lebendig und ein echtes Erlebnis. Beethoven, Schubert und Brahms waren schließlich selbst extreme Exstatiker, jeder auf seine Art…

Eines der bemerkenswerten Beispiele für Lennys Alterstil, ist jetzt, gemeinsam mit den denkwürdigsten Beethovenkonzerten seiner späten Jahre, in einer Box wieder erschienen, die den lange nicht verfügbaren Teil seines Beethoven-Repertoires bei Deutsche Grammophon zusammenfaßt. Herausragend darunter das Münchner Konzert für Amnesty International vom 17.10. 1976, das, aufgrund rechtlicher Fragen, noch nie zuvor auf CD erhältlich war. Leonard Bernstein dirigierte ein reines Beethovenprogramm, die Leonoren-Ouvertüre Nr. 3, die 5. Symphonie und das 4. Klavierkonzert. Mit Claudio Arrau als Pianist. Es ist die einzige Aufnahme überhaupt, die diese beiden Beethoven-Giganten zusammen für die Nachwelt festgehalten hat.Buchstäblich bis in den Tod hat Lenny Beethoven dirigiert, das Dokument seines letzten öffentlichen Konzerts in Tanglewood bei Boston am 19. 08. 1990 belegt dies. Bernstein ging für Beethovens 7. Symphonie eingedenk der Befürchtung, dass er das Konzert vielleicht nicht überleben werde, auf die Bühne. Mehrmals ist deutlich wahrzunehmen, wie er stockt und fast zusammenbricht, aber er steht es durch. Knapp zwei Monate später ist Leonard Bernstein tot. Als “süchtig nach beseelter Überarbeitung” hat er sich stets bezeichnet…

Die Wiener Philharmoniker wollten erst nicht. Aber Mr. Bernstein. Heraus kam die reine Streicherexstase. Die Rede ist von Bernsteins Adaptionen für Streichorchester der späten Beethoven-Quartette op. 131 und 135. Die Wiener Konzertmitschnitte von 1977 und 1989 wurden zu einem der musikalischen Höhepunkte in Leonard Bernsteins Karriere. Ganz besonders im langsamen Satz von op.135 ( September 1989) findet die strenge, geradezu jenseitige Vergeistigung des Beethoven seiner letzen Werke ihre vollkommene Entsprechung in einem Streicherklang voll himmlischer Ruhe und tiefer Menschlichkeit. Beethovens und Bersteins künstlerische Apotheose in einem Klangbild, das noch heute seinesgleichen sucht.

Photo by Arnold Newman.

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2 Reaktionen zu “Bis in den Tod…”

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