4.
Januar

Ist guter Klang letztlich doch ein Faß ohne Boden?

Über Jahre war ich jetzt zufrieden mit dem, was ich hatte. Gemeint ist meine mit Glück, Geduld und etwas Geschick auf meinen eher moderat gefüllten Geldbeutel abgestimmte Musikanlage, angesiedelt am oberen Ende von HiFi und am unteren von High End. Linn Classik Music, ein Kombigerät, das CD-Player und Verstärker in einem Gehäuse einschließt, Linn LK 140, eine ziemlich potente Endstufe, gekauft als Auslaufmodell zu Sonderkonditionen, sowie ein gematchtes Celestion 300 Boxenpaar, das mir nur deshalb bezahlbar wurde, weil ich bereit war, einen zehn Jahre lang originalverpackten Artikel zu kaufen, der mich ohne Ende Nerven kosten wird, sollte ich je ein Ersatzteil auftreiben müssen. Es hat lange gedauert, bis 35, ehe ich das Glück hatte, ein paar Monate lang doppelt zu verdienen und mir eine Anlage dieser Qualität leisten zu können.

Mit Technik und Besitztümern will ich niemanden langweilen. Der Punkt ist: Das Setup macht wunderbar musikalisch Musik, ideal für Klassik und Jazz. Und wenn man elektronische Musik damit hört, dann kommt man aus dem Staunen über das leuchtend präzise, absolut zeitechte Ansprechverhalten nicht mehr raus. Ich habe Anlagen gehört, die das sechsfache kosten würden und nicht so musikalisch waren. Damit war das Thema HiFi für mich erledigt, zwei Jahre lang.

Nun führe ich mit meinem besten Freund eine seit Jahren immer mal fortgesetzte Diskussion. Thema: Kann man als qualitätsorientierter Mensch irgendwann zufrieden sein mit dem, was man hat und aufhören zu suchen, zu jagen, zu kaufen? Wohlgemerkt: Das Thema ist Qualität, nicht irgendein Statuswahn, den wir im übrigen beide zum Kotzen finden. Meine Antwort auf diese Frage war immer “ja”, seine “nein”. Jedenfalls war er der Meinung, ich könnte das nicht.

Dummerweise bin ich zwischen den Jahren beim Schlendern durch die Stadt mit meiner Freundin in einen HiFi Laden gestolpert und habe dort etwas gehört, was mich denken läßt, dass mein Freund Axel wahrscheinlich recht hat. Es gibt meist und für (fast) jeden einen sehr großen Unterschied zwischen etwas Teurem, oder etwas hymnisch Rezensiertem, und einem echten, eigenen, authentischen Wow-Erlebnis. Wer hat nicht schon mal einen kostspieligen Wein gekostet und bei sich gedacht “na ja, ist ja ganz nett, aber…”? -Ich gehe also in diesen Laden und sehe da zwei Lautsprecherboxen stehen , die mir visuell sehr gefallen. “Kann ich die mal hören?” frage ich ohne jede Absicht. “Ja, klar”. “Habt ihr auch Klassik da?” Yep, hatten sie. Und außerdem eine CD-Payer/ Verstärker-Kombination, von der ich bis dahin noch nie was gehört habe. “Damit bespielen die bei Dynaudio (der Boxenfirma) auch ihre ganz großen Dinger” hieß es zu den Geräten später lapidar.

Die Musik fängt also an und schon nach ein paar Takten fühle ich mich wie zum in die Luft springen. Fast tut die Lebendigkeit dieser Schallwellen schon körperlich weh. Meine Freundin, die was ganz anderes macht und mit diesen Dingen nicht halb so wahnsinnig ist, reagiert genauso. Einfach der Hammer. Und natürlich entsprechend teuer, wenn auch lange nicht am Ende des Spektrums angesiedelt. Zum Glück aber teuer genug, damit nicht mal das Nachdenken darüber lohnt. Doch wenn ich’s hätte, ich hätt’s vom Fleck weg gekauft. Beziehungsweise hätte ich alles andere in dieser Preisklasse durchrecherchiert und es dann gekauft. Na ja, wahnsinnig eben. Und Axel hat wohl recht, es hört niemals auf…

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6 Reaktionen zu “Ist guter Klang letztlich doch ein Faß ohne Boden?”

  1. Mehmet S. aus B

    haben wir irgendwann fertig? was heißt denn hier zufrieden sein? es stellt sich ja damit auch gleich die frage, ob der wunsch nach mehr falsch oder gar unanständig ist. ich denke nicht. die gefahr liegt eher darin, dass der genuß des beschaffens schleichend immer wichtiger wird. zeit ist ein knappes gut, gerade in den so genannten produktiven jahren. wenn wir dann ständig mit anschaffen verbringen, wann bleibt dann noch zeit für das wesentlich.. für die musik? bis die tage

  2. bro

    …da würd ich’s doch mal linn boxen an der kette versuchen. ninka gibt es mittlerweile auch güstig gebraucht und mit linn classic und lk140 geht die gut ab. bei yahoo.de gibs ein linn high end forum mit guten infos. allerdings auch endloser eskalation der möglichkeiten…

  3. Violinist

    Wie heißt den die genaue Bezeichnung der Boxen? Der Artikel hat mir die Boxen wirklich schmackhaft gemacht.

  4. Kasper

    Schleichwerbung …

  5. Felsenstein

    35? Naja, dann hat sich in wenigen Jahren die Frage nach dem Erreichen des Optimums erledigt. Dann nützt die beste Box nichts mehr, dann richtet sich die Kompassnadel der Vernunft langsam wieder mehr nach dem aus, worum es bei der Musik geht, nach der Musikalität. Wäre schlimm, wenn es anders wäre. Sonst könnte sich ein Conductor nur bis Mitte 40 für seinen vor ihm sitzenden und sich bis auf’s Äußerste um Qualität bemühten Klangkörper begeistern. Der Klang IST enorm wichtig, aber die Emotionen werden vornehmlich durch die Wahl der Noten getriggert. Nicht grundlos wird Stockhausen nach wie vor seltener als Elvis gekauft/gehört. Zugegeben, ein schwieriges Diskussionsfeld…

  6. marabu

    Ich würde allerdings mal überlegen, ob es nicht vor allem auch mit den Räumlichkeiten zu tun haben könnte. Gerade, wenn ich hier von “Lebendigkeit” lese, dann bin ich mir fast sicher, dass die fehlende “Lebendigkeit” in den heimischen vier Wänden an einer lieblosen Boxenaufstellung liegt, in die man etwas Zeit und Geduld investieren sollte, um die Raummoden ausfindig zu machen, um selbige dann auszumerzen. Dann sollte man mit der o.g. Elektronik hervorragende Ergebnisse erzielen können. Und im Hifi-Laden um die Ecke klingt’s eh schon subjektiv immer besser, weil man sich in einem “professionelen” Umfeld wähnt. Insofern: Nur Mut, kein neues Geld ausgeben, sondern lieber die bisherige Technik aufstellungsoptimieren.

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