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Oktober 29, 2007

Was bringt das Internet der Klassik?

Geposted in: Allgemein

Seit einiger Zeit stolpere ich immer wieder über Kommentare und Artikel, die sich mit der Frage, inwiefern wohl das Internet zur “Rettung” der Klassik beitragen wird, auseinandersetzten, etwa von Alex Ross im New Yorker, oder, sich auf ihn beziehend, von Reinhard Brembeck in der SZ vom 17. 10. (nicht im Netz verfügbar).

Meine Meinung dazu: Da wird in die falsche Richtung gedacht. So sehr diese Überlegungen vordergründig das Forum feiern, das das Netz für die wahren Aficionados bietet, so sehr schielen die meisten, die da von “retten” sprechen, letztlich auf Verbreitung, auf Verkaufszahlen, auf neue Absatzmöglichkeiten, auf “virales Marketing”, also auf Massentauglichkeit - und gerade auf diese Faktoren, sorry, muss gepfiffen werden, wenn man wirklich die Klassik stärken will. Das erste Thema für alle, denen klassische Musik am Herzen liegt, sollte meiner Meinung nach allein die Exzellenz sein, denn nur die Exzellenz bringt die Klassik voran. Nur Musiker, die über die Gestaltungskraft verfügen, nach Größen wie Arrau, Furtwängler oder Callas ein eigenes, neues Kapitel mit originären musikalischen Ideen auf deren Augenhöhe aufzuschlagen. Und Exzellenz speist sich nunmal nicht aus Massenkompatibilität, weder der Aussage, noch der Haltung, noch der Anziehungskraft nach. Sie kommt von Künstlern mit auskristallisierter Persönlichkeit, die, ohne Rücksicht auf Verluste, ihren eigenen Göttern folgen, nicht zweithändisch denen des Marktes oder - was letztlich dasselbe ist - denen des momentanen Publikumsgeschmacks.

Also: Das internet bringt der Klassik dann was, wenn die Hardcore-Aficionados, jene Menschen, die Alex Ross voller Zuneigung als “geeks” bezeichnet, jede Site, jedes Forum und jeden Blog nutzen, um sich zur Elite zu bekennen! Bekennt Euch zu einem radikalen Qualitätsanspruch. Bekennt Euch zu edel gemachten CDs und zu High-End-Anlagen von Burmester, Lua oder Linn. Bekennt Euch zu Spinnern und Außenseitern wie Sokolow, wie Afanassiev, wie Segerstam, die auf jede Massenerwägung pfeifen. Dadurch bekommt die Klassik als Bewegung vielleicht auf lange Sicht wieder Selbstvertrauen und auch wieder eine Ausstrahlung, die - als Faszinosum - geeignet ist, Menschen in ihren Bann zu ziehen, für die die Musik allein das (noch) nicht leisten konnte.

Ansonsten ist das Netz natürlich klasse. Bei dem Versuch, mir vorzustellen, wie Leute früher journalistische Recherchearbeit ohne Internet bewältigt haben, steigt in mir eine Mischung aus Grauen und Bewunderung auf. Bei amazon findet sich jede Platte, auch lange Gestrichenes, meist mit Hörbeispielen. Aus Japan bestelle ich heute über das Internet seltene CDs, die früher in Europa nicht zu kriegen waren, für knapp zehn Euro inklusive Versand und drei Tage später ist die Scheibe da. Man findet einfach alles. Jede Information, jede rare Aufnahme. Und wie in den Kommentaren bereits angemerkt wurde, geht in Richtung online libraries, Konzertmitschnitte usw. zukünftig noch viel mehr. Der Naxosgründer Klaus Heymann äußert dazu in dem übrigens hochinteressanten Artikel im New Yorker (siehe Link weiter oben) einige visionäre Ideen. Zudem finden sich viele Gleichgesinnte. Die sehr wohltuende und bereichernde Vernetzung der echten Aficionados funktioniert, zumindest im anglikanischen Sprachraum, schon sehr gut, was jedoch hierzulande noch zu wünschen übrig läßt. Lob und Preis dem Internet, ganz ehrlich. Aber das Netz ist nicht das Entscheidende für die klassische Musik und wird es, meiner Meinung nach, auch nicht werden.

Denn letztlich gilt für die Klassik genau das, was auch für den Fußball gilt: Wichtig is’ auf’m Platz. Und der Platz ist immer noch die Konzertbühne und bestenfalls noch das Aufnahmestudio.

Kommentare, bitte!


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