Shura Cherkassky: Der größte Chopin-Pianist?
Es gibt Rubinstein. Zutiefst poetisch und klangschön, aber manchmal eben doch ein wenig (groß-)bürgerlich. Es gibt Arrau. Wunderbar elegisch und tiefsinnig, aber manchmal eben doch ein wenig professoral. Für diejenigen, die über diese Qualitäten hinaus noch auf der Suche nach den etwas exzentrischeren Attributen einer romantischen Klavierspielweise sind, nach Wildheit, Tanz auf dem Vulkan und der Rasierklinge, gesteigerter Emotion, dem Unvorhergesehenen und Unvorhersehbaren, nach einem Tempo rubato, welches Pianospieler und Publikum gleichsam mit sich fortzutragen vermag, für diejenigen gab es einmal Shura Cherkassky. Aber wer sucht nach so einem Stil schon heute noch? Technik, Schule, Methode sind längst viel zu dominant, als dass die beglückende Einheit von Idiosynkrasie, Durchdringung und Beseeltheit Josef Hofmannscher Prägung, für die Cherkassky stand, noch einen anderen Status als den des Geheimwissens haben könnte. Es gibt auch heute ein paar Pianisten, die so agieren. Aber sie sind von Kennern geliebte Außenseiter (nicht das das etwas Schlechtes wäre!), siehe beispielsweise Valery Afanassiev.
Die Aufnahmen von Arthur Rubinstein und Claudio Arrau sind noch immer gut bekannt und gut erhältlich und jede Schrift, die sich mit bedeutenden Chopininterpretationen beschäftigt feiert sie, ganz zurecht. Shura Cherkassky ist fast vergessen. Nun ja, es sind noch ein paar Nimbus-CDs zu bekommen und einige sehr schöne Konzertmitschnitte aus den 60er und 70er Jahren auf BBC Legends. Aber seine stärksten Chopineinspielungen und Konzertmitschnitte sind in Major-Hand: Seine Polonaisen von 1969 gab es zuletzt (wie viele andere Schätze) in der ziemlich schrottigen Billigserie Resonance (DGG 429 5162), die überirdischen Konzertmitschnitte der 2. und 3. Sonate von 1982 bzw. 1985 (DECCA 433 6502) sind seit Anfang dieses Jahrtausends gestrichen, Études und Barcarolle, bei EMI in den 50er Jahren eingespielt, gab es zuletzt in der Great Pianists-Serie (Philips 456 7422). Glücklich kann sich schätzen, wer von diesen Raritäten noch eine Kopie ergattert. Falls überhaupt erhältlich werden sie nämlich bei ebay und amazon Marketplace zu horrenden Preisen gehandelt.
Was sagt uns das? Für viele unter den wenigen, die ihn noch auf dem Radar haben, ist der kleine Mann aus Odessa Kult. Was noch? Ein paar wertige Wiederveröffentlichungen würden sich womöglich lohnen, EMI, DECCA und DG.